Übernacht zur Storydoing Queen… Interview mit Sonja Schiff

Portrait von Sonja Schiff die Storydoing Queen

Sonja Schiff wurde mit Ihrer Story >> Corona – nichts wird mehr sein, wie es war << auf der Plattform story.one kurz vor dem ersten Lockdown über Nacht mit 1,2 Mio. Klicks zur Storydoing Queen. Jede/r StorytellerIn in Marketing und Kommunikation würde salopp gesagt einen Purzelbaum schlagen, wenn der eigene Post oder Blogbeitrag in diese himmlischen Höhen schnellen würde. Für mich ein guter Anlass, um mit Sonja über das Schreiben zu reden.

Katharina: 

Wie ist Dir dieser vielgelesene Text gelungen?

Sonja:

Es war reines Glück. Abgesehen vom Glück, bin ich überzeugt, dass man einen Artikel, der derartig viral durch die Decke geht, gar nicht planen kann.

Katharina:

Wie ist der Text entstanden?

Sonja:

Ich habe mich am 15. März 2020 am spät nachmittags am Beginn der Corona-Krise an meinen Schreibtisch gesetzt und meine ganz persönlichen Gedanken niedergeschrieben. Der Text ist in 15 Minuten entstanden – eigentlich nur für mich.

Nach zwei Stunden kam ich aus meinem Garten wieder zurück an meinen PC und die Story, wie Sie auf der Plattform genannt wird, hatte 60.000 Views. Und, so schnellte die Anzahl der LeserInnen bis zum Morgen auf 1,2 Millionen.

Martin Blank, einer der Gründer von story.one, berichtete mir nachträglich, dass er die ganze Nacht durcharbeiten musste, sonst wäre der Server gecrasht.

Katharina:

Welchen Nerv hast Du mit Deinen Worten getroffen?

Sonja:

Ich habe mit meinen persönlichen Gedanken den Nerv dieser Tage getroffen. Und ich glaube, die Menschen haben in Ihrer Angst vor dem Unbekannten, die Hoffnung gebraucht, die Corona Krise könnte vielleicht auch etwas Gutes bringen.

Katharina:

Wie bist Du auf die Headline Deiner Story gekommen? Für viele StorytellerInnen nimmt die Headline mittlerweile einen höheren Stellenwert ein als der danach folgende Text, könnte man fast meinen.

Sonja:

Spontan. Es war ein Gedanke, der einfach in mir war. Meine persönliche Überzeugung an diesem Tag habe ich automatisch in Worte gefasst.

Katharina:

Du schreibst schon einiger Zeit auf story.one, scheinst eine begeisterte Autorin zu sein? Wie hast Du zum Schreiben gefunden?

Sonja:

Ich schreibe, seit ich denken kann. Als Kind Tagebuch, kindliche Kurzgeschichten und Gedichte. Als die ersten Blogs aufkamen, habe ich begonnen zu bloggen, allerdings nie kommerziell. Das hat mich nie interessiert.

Zu meinem 50. Geburtstag habe ich meinen persönlichen Blog www.vielfalten.com eröffnet, ein Bauchladen an Gedanken und Texten.

Mein großes Anliegen ist mein Beruf, in dem ich mich mit dem mehr sensiblen Thema der Altenpflege beschäftige. Die verschiedenen Anliegen dieses Themas positiv zu kommunizieren und damit auch das Image der Pflege nachhaltig zu verändern, liegt mir sehr am Herzen. Daher erzähle ich auf story.one unter dem Account proud-to-be-a-nurse etwa auch Geschichten aus der Pflege und mittlerweile gibt’s zum Thema Altenpflege von mir sogar bereits zwei Bücher.

Katharina:

Personen, die in Marketing und Kommunikation arbeiten, stehen oft vor der Aufgabe, Produkte oder Dienstleistungen zu beschreiben, die andere Menschen in Aktion bringen sollen, idealerweise zum Kauf bewegen. Alles andere sei angeblich Poesie.

Wenn Du diesen Personen einen oder mehrere Tipps geben würdest, wie es Ihnen gelingen kann einen Text zu verfassen, der Menschen bewegt. Wie würden diese Tipps lauten? 

Sonja:

Da wage ich ehrlich gesagt keine Tipps. Ich habe nicht ohne Grund meine Blogs nie kommerzialisiert. Erstens hat mich das nie interessiert und zweitens kann ich nur über Dinge schreiben, die mich tatsächlich bewegen. Aber im Grunde geht es, so denke ich, immer um Gefühle und um Authentizität.

Katharina:

In unzählbar vielen Büchern wird beschrieben, wie man durch die Kraft des Erzählens Mitarbeiter und Kunden gewinnen kann. Du hast binnen kurzer Zeit 1.7 Mio. LeserInnen gewonnen. Hast Du Dir das Schreiben im wahrsten Sinne des Wortes erschrieben – durch Literatur oder in Workshops oder verstehst Du Dich als talentierte Autodidaktikerin?

Sonja:

Ich bin Autodidaktikerin, aber lese sehr viel. Beim Lesen interessieren mich der Inhalt, aber tatsächlich auch der Aufbau eines Textes sowie die Entwicklung der Dramaturgie. Ich plane im Moment mein erstes belletristisches Werk. Dazu lese ich im Moment sehr viele Romane und analysiere die vielen verschiedenen Wege, Figuren zu entwickeln.

Katharina:

Eine Frage zum Aufbau einer Story: Überlegst Du Dir den Aufbau einer Geschichte im Vorfeld und beginnst Du zu schreiben und lässt dich überraschen welche Gedanken kommen?

Sonja:

Das kommt drauf an, was ich schreibe. Beim Verfassen von persönlichen Texten setze ich mich hin und schreibe nieder, was aus mir herauskommt. Bei den Pflegegeschichten überlege ich mir vorher, was der/die LeserInnen aus dem Text mitnehmen sollen. Konkret: Womit ich berühren will, welches Gefühl sie oder er erleben soll. Grundsätzlich: Je kürzer die Geschichte, desto mehr schreibe ich einfach los. Texte dann umzuorganisieren, ist heute ja kein Problem mehr.

Katharina:

Viele professionelle Storyteller predigen – insbesondere seitdem sich Blogs und die Sozialen Medien etabliert haben, eine Aufbaulogik. Ich referenziere der Einfachheit halber auf ein Model, im Wissen, dass es viele andere gibt, deren Kernaussagen mit anderen Begriffen umschrieben werden.

Hook: Im ersten Teil deiner Texte musst du mit einem sogenannter „Hook“ die Aufmerksamkeit deiner Zielgruppe einfangen. Das könnte zum Beispiel irgendein außergewöhnlicher Einstieg sein. (zB Achtung! Nur für kurze Zeit! …)

Story: Im zweiten Teil deiner Texte erzählst du dann eine Geschichte, die erlebbar, einzigartig, glaubwürdig und relevant für die Leserschaft sein soll.

Aktion: Im letzten Teil ist es ganz wichtig einen Call-To-Action zu setzen. Hier kannst Du deiner Leserschaft einen Gedanken oder einen Appell mitgeben.

Baust Du Deine Texte ebenfalls in dieser Logik auf oder kommt das ganz intuitiv?

Sonja:

Ich denke ehrlich gesagt nicht viel darüber nach. Aber intuitiv halte ich sicher Regeln ein. Eine Geschichte muss für mich spannend beginnen, der Hauptteil sollte diese Spannung halten,

die LeserInnen neugierig machen und emotional berühren, damit sie/ er bis zu Ende liest. Am Schluss finde ich sollte es eine Erkenntnis oder eine Überraschung mit einem kleinen Höhepunkt geben. Beim Schreiben denke ich aber in Wahrheit nicht über die Textlogik nach. Ich schreibe.

Katharina:

Zum Schluss kurz drei persönliche Fragen:

Hast Du einen Lieblingsort, an dem Du schreibst, an dem Du die richtigen Wörter findest, um Stories zu schreiben, die bewegen?

Sonja:

Nein. Mein Lieblingsort zum Schreiben ist mein Notebook. Meine Texte entstehen überall, im Zug, im Kaffeehaus, am Schreibtisch oder im Garten. Unterschiedliche Orte animieren mich zu unterschiedlichen Geschichten.

Katharina:

Welches Buch, das Du in letzter Zeit gelesen hast, würdest Du empfehlen?

Sonja:

Dunkelgrün fast schwarz. Mareike Fallwickl. Habe ich hier rezensiert: www.vielfalten.com/dunkelgruen-fast-schwarz/

Katharina:

Wann dürfen wir mit einer nächsten Story rechnen und worum wird es gehen?

Sonja:

Ich habe auf story.one eine Figur getestet, eine alte Witwe, die sich nach dem Tod des Mannes aufmacht in ein neues Leben. In meinem Beruf habe ich viele alte Witwen erlebt und

ich wollte einen Gegenentwurf zu der großen Traurigkeit, die man mit Witwenschaft verbindet, entwickeln. Dafür hatte ich auf story.one einen eigenen Account angelegt und in

Ich-Form die Storys geschrieben. Ein halbes Jahr lang. Meine Figur hat viele LeserInnen gefunden, Menschen bewegt und berührt. Als meine Figur zwei Liebesbriefe erhielt,

habe ich damit aufgehört, weil ich niemanden in die Irre führen oder verletzen wollte. Diese Figur schlummert aber weiterhin in mir und möchte geboren werden. Also plane ich jetzt

damit ein Buch. Wann es fertig sein wird? Keine Ahnung! So eine Figur hat auch ihre Eigendynamik. Mal sehen.

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Sonjas Bücher, Stories & Texte:

10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte (2015)

Magische Momente in der Altenpflege (2019)

17 mutmachenden Texten, auch anderer AutorInnen: