Bedienungsanleitung: Allein sein

Alleinsein

Bedienungsanleitung: Allein sein

Utes 47.ter Geburtstag steht vor der Tür. Sie ist hin- und hergerissen, weiß nicht ob Sie eine Feier mit vielen Freunden oder einfach nur mit sich allein sein will. Da ihr Alltag voll mit Aktivitäten für und mit beruflichen und familiären Anderen ist, nimmt die Sehnsucht nach dem Alleinsein in den letzten Jahren stark zu.

Wie fühlt sich allein sein an? Würde sie dieses zunehmend, begehrte Alleinsein überhaupt ertragen? Aber wie?

“Es wird Zeit sich unbekannten Situationen zu stellen. Ab davon, was soll schon schief gehen”, denkt Ute und schickt ihre bekannten Mach-doch-weiter-wie-immer-Gedanken auf die Reise. Und, sollte der Zustand wirklich unerträglich werden, kann Ute das Alleinsein jederzeit verändern. Flucht-Joker quasi.

Im Alleinsein-Tag angekommen. Ute schlängelt sich durch dumpf-ausgeleuchtete Gänge, entdeckt eine kleine Rezeption und Stimmen. “Was ist das für eine Sprache?”, überlegt Ute und nimmt sich sogleich für das kommende Lebensjahr einen Sprachkurs vor. Denn was passiert, wenn das Gehirn nicht gefordert wird, hat sie bei Ihrer Mutter gesehen. Demenz, nein danke!

Eine dunkelhäutige Schönheit schiebt den Vorhang zur Seite, begrüßt Ute im Hammam und fragt sie nach dem gebuchten Programm. “Clearly alone deluxe”, wispelt Ute, nimmt das Leinenkleid, das Ihr übergeben wird und flip-flopt in die Garderobe. So, und jetzt ab ins Alleinsein.

Leise Musik, duftender Tee und gekonnt platzierte Nippes, die Marokko nach Wien holen, sollen ihr dabei helfen. Wie oft schon hat Ute darüber nachgedacht ein bisschen mehr Nippes auch in Ihr Haus zu bringen. “Aber nein, es bleibt dabei, keine Nippes daheim. In dieses Setting passt das Nippes wunderbar”, plaudert Ute mit Ute und denkt an die ersten Frühlingsblumen in ihrem Garten, ihre Holzterrasse und an die Renovierungs-Arbeiten, die in diesem Frühling bevorstehen. Am besten sie schreibt sich gleich alles auf. Vergessen unmöglich.

Beinahe im Modus Operandi angekommen, rettet sie die Dunkelhäutige, begleitet Ute ins Hammam. Umhüllt von einer anfangs einengenden Hitze, legt sich Ute auf die warmen Steine und lässt die Gedanken fliegen. Die kommen wie gerufen, da warm und heiß, im Urlaub an. “Wohin werden wir heuer auf Urlaub fahren? Was mache ich, wenn die Mädchen ans Meer und mein Mann wieder in die Berge fahren wollen?” schießen die Gedanken an verschiedenste Urlaubsorte kreuz und quer. Auch das eifrige Einseifen erinnert Ute an die aufgebrauchten Shampoos, die weich-fallenden Tücher an die Schmutzwäsche daheim und weil sie bei dem Thema Waschmittel ist, an die Verschwendung, die Umweltverschmutzung und so weiter.

Als sie nach der Waschung der Masseur begrüßt, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen: Sie hat den Geburtstag ihres Mannes vergessen. Ob er auch Alleinsein will? Wenn ja, wird ihm Ute eine Bedienungsanleitung für das Alleinsein schenken, das ist ihr jetzt klar geworden; so ganz allein.

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